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Die Architektur der Kirche St. Johann Baptist in Nideggen

Die Außenansicht der Kirche
Die harmonischen Proportionen des Außenbaus, die vom Chor bis zum Westturm abgestuft in die Höhe steigen, folgen in ihrer sparsamen und schmucklosen Gliederung der romanischen Bautradition des 12. Jahrhunderts. Nur der Chor besitzt einen schmückenden Rundbogenfries mit symbolhaften Menschen- und Tierköpfen. Durch ihre einfachen, klaren Formen strahlt die Kirche eine stille Harmonie aus.


Diese Harmonie mag wohl auch an den Gebäudemaßen liegen, die sich durchweg im Verhältnis 2 : 1 darstellen. So misst die Längsachse der Kirche, um einige Beispiele zu nennen, 40 Meter. ihre Breie 20 Meter. Der Chor ist mit 10 Metem halb so breit wie die Gesamtbreite der Kirche. Die Höhe des Mittelschiffs liegt bei 14 Metern, seine Breite bei 7 Metern. Das Mittelschiff ist doppelt so lang wie der Chorraum mit Apsis. Der nach Westen vorgelagerte Turm wirkt sehr kräftig und ähnelt in seiner Kompaktheit dem zertgleich gebauten Bergfried der Burg Nideggen. Ü̈berhaupt sind die Westwerke romanischer Kirchen ganz allgemein nach mittelalterlichem Denken als Schutz gegen das Dunkel, das Unerfüllte und den Tod gedacht. Man sah die Kirche in romanischer Zeit als Festungsburg Gottes, gegenüber der bösen, heidnischen vom Teufel beherrschten Welt. Romanische Formen finden wir aber nicht nur am Westwerk. So hat das Mittelschiff an seiner Süd- und Nordseite jeweils vier romanische Rundbogenfenster. Von den beiden Seitenschiffen ist das nördliche älter als das südliche. Es ist vermutlich in der ersten Bauphase der Kirche um das Jahr 1180 entstanden und hat ebenfalls romanische Rundbogenfenster. Im südlichen Seitenschiff dagegen sind die Fenster bereits spitzbogig gefasst, was bedeutet, dass sich hier schon langsam die gotischen Formen entwickelten. Die mittlere Blende des Chores hat ein romanisches Fenster und die an den Chor anschließende Apsis hat drei kleine Rundbogenfenster. Auf das Halbrund der Apsis ist ein Halbkegeldach aufgesetzt, das in der Ostwand des Chores in einem hohen Rundbogen liegt. In der Mitte dieses Bogens steht in einer Nische eine 1964 angefertigte Figur des Kirchen- und Pfarrpatrons, des Heiligen Johannes des Täufers. Das Portal am südlichen Seitenschiff hat eine Rundbogenpforte, die mit Ecksäulchen und einer Wulsteinfassung verziert ist. Darüber liegt ein Fünfteiliges "Fächerfenster". Das Hauptportal an der Westseite, das Turmportal, liegt rundbogig in einem eckigen Rahmen. Darüber liegt ebenfalls ein Fünfteiliges „Fächerfenster“. Über dem gleichfalls rundbogigen Portal des nördlichen Seitenschiffes ist ein ''Vierpassfenster" eingelassen.

Das Innere der Kirche
Die Architektur der Kirche selbst gliedert sich vom Mittelschiff aus gesehen in seiner Nord- und Südseite in drei Ebenen. In der unteren Ebene sieht man vier breit ausladende Scheidbögen, die durch Arkadenpfeiler voneinander getrennt sind. Über jedem Scheidbogen ruht auf der mittleren Ebene eine dreiteilige Emporenöffnung die der Kirche den Namen Emporenbasilika gab. Auf der dritten Ebene befindet sich auf jeder Seite der durchfensterte Wandteil das Mittelschiffes, der Licht- oder Obergaden. Die Arkadenpfeiler des Mittelschiffes sind zu den Seitenschiffen hin von Dreiviertelsäulen mit blattartigen Kapitellen umgeben. Die Säulen dienen sowohl den Scheidbögen, als auch den Bögen der Seitenschiffe als Stütze. Die Laub- und Blattornamente der Kapitelle zeigen stets ein anderes Motiv. Zwei schwere Halbsäulen, die dem Gang des Mittelschiffes zugewandt sind, stammen noch aus romanischer Zeit. Sie trugen bis ins 17. Jahrhundert ein Kreuzgewölbe, wie es heute noch in den heiden Seitenschiffen zu sehen ist. Das Kreuzgewölbe wurde damals durch eine Flachdecke ersetzt Nach den schweren Zerstörungen des letzten Krieges erhielt das Mittelschiff wieder eine Flachdecke, die Gangolf Minn aus Brühl in sog. "Kratzputztechnik" mit stilisierten Fischen, Brot und Vögeln farbig bemalte. Die Farben entsprechen den Farben des Freskos und sind auch auf die Grundfarben rot. weiß und schwarz des Kircheninnenraums abgestimmt. Die Kratzputztechnik leitet sich vom italienischen Sgrafitto ab und ist eine Technik zur farbigen Gestaltung von großen Flächen. Sie war in der Renaissance sehr verbreitet und ist in der Gegenwart wieder in Mode gekommen. In verschiedenen Farben werden Putzschichten übereinander aufgetragen. Aus den noch nicht harten Lagen werden dann durch Wegkratzen der oberen Schichten farbige Motive und Figuren eingeritzt. Über dem Triumphbogen im Mittelschiff hängt ein romanisches Kreuz. Es ist das älteste Kunstwerk in der Kirche aus dem Jahre 1220. Das farbenprächtige Fresko in der Apsis des Chores, eines der altesten Fresken nördlich der Alpen, ist der Rest einer einst umfangreichen Ausmalung der Kirche. Es stammt aus der Zeit um 1250 und wurde 1898 entdeckt. Nach dem letzten Krieg, beim Wiederaufbau der Kirche, gelang es nur unter größten Mühen, dieses unersetztiche Kunstwerk zu retten. Wie durch ein Wunder war trotz der völligen Zerstörung der Kirche ein größerer Teil des Freskos unzerstört geblieben. Beunruhigend aber war, dass es den ständigen Witterungseinflüssen ausgesetzt war und völlig verloren zu gehen drohte. Erst 1947 gelang es, den bekannten Aachener Freskenkonservator Franz Stiewi für eine Restaurierung zu gewinnen. Als einzige Möglichkeit zur Rettung des Freskos kam für ihn nur eine vollständige Abnahme in Frage. Es fehlte aber an Leintüchern, in die das unzerstörte Malgut eingepackt werden konnte. Der damalige Pfarrer bat deshalb in seiner Sonntagspredigt in der Notkirche die Nideggener Bürgerinnen und Bürger, Betttücher zu spenden. Die Bitte wurde nicht überhört. Trotz der erheblichen Kriegszerstörungen in der Stadt schafften die Nideggener an Tüchern herbei, was sie auftreiben konnten. Als die Abnahme der Malereien abgeschlossen war, lag das Malgut noch acht Jahre auf dem Speicher des unzerstört gebliebenen Pfarrhauses. Der Wiederaufbau der Kirche war jetzt so weit fortgeschritten, dass eine Rückübertragung auf den neuen Kalkmörtelputz möglich war. Die Restaurierung gelang, das Fresko, das zu den ältesten und schönsten Christlichen Kunstwerken in unserem Lande zählt, konnte so gerettet werden. Das Fresko ist einem Übergangsstil von der romanischen zur gotischen Malerei zuzurechnen. Die für die Romanik charakteristische Frontalität der Figuren ist bereits überwunden. Man sieht individualisierte Personen in bewegten faltenreichen Gewändern mit einer ganz persönlichen Gestik. Im Fresko wird das Thema der "Majestas Domini" (Erhabenheit des Herrn) behandelt. Christus sitzt in der Mitte auf einem Thron als Weltenrichter in der "Mandorla", im mandelförmigen Heiligenschein. Die Darstellung macht die Herrschaftsautorität Gottes sichtbar. Zugleich setzt sie göttliche und menschliche Macht gleich (Christus als Mensch) und sichert damit auch die Autorität des Burgbesitzers und Auftraggebers. Rechts von Christus steht Maria, die Mutter Jesu, links Johannes der Täufer, der Patron der Pfarrkirche. Der thronende Christus ist umgeben von den vier Evangeliensymbolen: Mensch (Matthäus), Löwe (Markus), Stier (Lukas) und Adler (Johannes), alle geflügelt (nach Ezechiel). In der unteren Hälfte stehen von links nach rechts vier Ritterfiguren und ein Bischof. Zuerst zwei junge Krieger: Cassius als erster Stadtpatron von Bonn und Gereon aus Köln. Es folgen Viktor von Xanten und Florentius als zweiter Stadtpatron von Bonn. Der Bonner Propst hatte zur Entstehungszeit des Freskos die kirchenrechtliche Aufsicht über die Nideggener Pfarrkirche. Als letzte Figur folgt der Abt Wilhelm von Vercelli, als Namenspatron bedeutender Herrscher aus dem Hause Jülich. Was den Altarraum betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass von Egino Weinert, der die Bronzeportale geschaffen hat, auch das Bronzetabernakel, die Tabernakelstele, Ambo (Lesepult) und Sedilien (Sitze) stammen.


Günter Schneider

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